Gequirlter Oktopus oder: das haben diese intelligenten Tiere nicht verdient

Blaue Stunde, draußen ist es trüb, nass, kalt und auch sonst ist die Welt eklig. Einziger Lichtblick: Ich trinke Kaffee mit meiner Lieblingsnachbarin, man unterhält sich bestens und denkt nichts Böses. Da packt die gebildete, sozialwissenschaftlich promovierte Person ein kleines Fläschchen aus, das meinen Unfugsdetektor sofort in den aargks-Bereich ausschlagen lässt: „Sepia officinalis D12“. Mein erster Gedanke: Das hat das intelligente Tier nicht verdient. Ich werde innerlich panisch, versuche die Contenance zu wahren und grinse Nachbarin an: „Ach, gequirlter Tintenfisch, und davon auch noch so oft mit Wasser gestreckt, dass nix mehr von ihm drin ist, dafür 43 Prozent Alkohol druff und alles für knapp 1.000 Euro pro Liter Wasser an den Mann und die Frau gebracht…“ Meine Lieblingsnachbarin: „Aber bei mir wirkt’s!“

DAS, liebe Leute, löst in mir ein aargks aus. Mal abgesehen vom Humbug der Erklärung der Höbbaddie©. Mal abgesehen davon, dass es keine einzige Studie gibt, die eine Wirkung der Höbbaddie© jemals nachgewiesen hätte. Abgesehen von den sogar erdrückende Gegenbelegen (obwohl doch bitte die Höbbaddie© in der Bringschuld sein sollte), taucht diese Aussage immer, immer, ich wiederhole: immer !!!!eins!!elf!!! früher oder später auf, wenn Befürworter des geschüttelten, nicht gerührten, dafür informierten (jaja) H2O ihr Glaubenssystem „beweisen“ wollen.

Die Aussage „Bei mir wirkt’s“ kann man versuchshalber „Und bei mir nicht, was nun?“ entgegenstellen, was ein guter Test ist, ob der/die Gegenüber/in wenigstens probehalber in Erwägung zieht, das Hirn einzuschalten (meist wird diese Entgegnung aber übergangen). Egal, es geht dabei um den kleinen, aber feinen Unterschied von Kausalität und Korrelation. Der ist so schwierig nicht, scheint aber selbst für gebildete Menschen oft ein Stöckchen zu sein, über das sie nicht drüberhüpfen können. Geduld hilft, auch wenn das aargks einem schon im Halse steckt.

Also, Kausalität und Korrrelation: Das eine bedingt das andere, ist die Ursache für eine Wirkung. Das andere tritt mehr oder weniger zeitgleich auf und belegt exakt: nichts. Jeden Morgen werfe ich meinen Wasserkocher an, um mir einen frischen Kaffee zu brühen, schön stark soll er sein, mit ungesund viel Zucker drin und einem Schuss Milch. Jeden Morgen fährt auch ein Bus vor meinem Haus vorbei. Würde irgendjemand, dessen Denkfähigkeit nicht im Kleinkindalter stecken geblieben ist, darauf tippen, dass der Bus deswegen an meinem Haus vorbeifährt, weil ich Wasser koche? Nein. Das hat wohl eher etwas mit einem Fahrplan zu tun. Der wiederum folgt einer Regel, die aus guten Gründen aufgestellt wurde, die wiederum undsofort undsoweiter, das braucht man nicht ausdiskutieren. Wegen mir kann man die Ursachen für den Bus bis zum Urknall durchkonjugieren – mein Wasserkocher wird darin nicht vorkommen. Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen Wasserkocher und Bus, eine Korrelation eben, die ich aber nicht erklären muss, oder?

Doch während bei obigem Beispiel jeder, der unfallfrei bis drei zählen kann, es als vollkommen logisch erachtet,dass der Wasserkocher keine Ursache für den Bus (und umgekehrt) ist, funktioniert das im Falle der Höbbaddie© merkwürdigerweise nicht mal bei Menschen, die sogar bis zehn zählen können. Wenn meine Lieblingsnachbarin dank des gequirlten Tintenfisches eine freie Nase hat (oder weshalb sie das Zeug sonst nimmt), hängt das ursächlich so mit ziemlich allem zusammen, nur ganz gewiss nicht mit dem armen Viech. Dass ausgerechnet diese nachgewiesenermaßen recht intelligenten Lebewesen für einen derartigen Humbug herhalten müssen, ist Realsatire.

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Ein Kommentar zu “Gequirlter Oktopus oder: das haben diese intelligenten Tiere nicht verdient

  1. Ja ja, sozialwissenschaftlich gebildet… getoppt wird diese Sorte eigentlich nur von Ethnologen und, ganz besondes fies, Pädagogen! Ich muss hier gestehen, dass ich in den frühen 90ern selbst solche Fächer studierte (wobei die Soziologie hier in Köln sich zumindest um Wissenschaftlichkeit bemühte, der Schwerpunkt lag auf empirischer Sozialforschung), dass es in der Ethnologie damals über weite Strecken um „Trikont“- und Edle-Wilde-Romantik ging, habe ich allerdings durchaus mitbekommen (heutzutage dürfte die Disziplin komplett von Gendertussis gekapert worden sein, die jedes Proseminar zum Paschtunwali in einen Judith-Butler-Fanclub umfunktionieren). Und der Pädagoge in meinem Bekanntenkreis ist die härteste Nummer, der glaubt inbrünstig an Familienaufstellungen nach Bert Hellinger, Bachblüten und Fahrradhelme…

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