Wahl-o-Murks: Die deutschen und österreichischen Wahlhilfen im Netz

Österreichische Kommunisten oder deutsche Violetten – hört sich an wie Pest oder Cholera. Ob Wahl–O-Mat oder wahlkabine.at, beide sind gut gemeint. Aber wie heißt es so schön: Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht sondern gut gemeint.

Ja, ich weiß, beide Portale sollen keine Wahlempfehlung abgeben. Ja, ich weiß, beide Portale sollen Jungwähler ermutigen, sich mit Politik und Parteien auseinanderzusetzen. Das Problem ist halt, dass die Fragen sich nur an aktuellen politischen Diskussionen orientieren. Und dass die eigentlichen politischen Grundsätze der Parteien gar nicht oder viel zu indirekt ins Spiel kommen.

Und so kam’s dass, wäre ich in Österreich wahlberechtigt, die KPÖ meine Standpunkte am zweitbesten vertreten soll. Und dass, lasse ich auch Kleinparteien im Wahl-O-Mat analysieren, in Deutschland ausgerechnet die Violetten über 70 Prozent Trefferquote hinbekommen.

Aber keine Angst, liebe Leute: Ich bin weder zum gestrigen Antidemokraten mutiert, noch hat mich der heilige Bimbam erleuchtet auf dass ich der Schwurbelpartei, die ich hier abgefrühstückt habe, meine Stimme geben werde.

Ich bin mir sehr sehr unsicher, ob Portale wie diese ihre Funktion erfüllen, solange keine Grundsatzfragen mit aufgenommen werden. Ein paar reichen ja schon, zum Beispiel: „Wollen Sie Ihren Strom aus freien Energien, die es nicht gibt, beziehen?“ Zack, wären die Violetten bei einer negativen Antwort raus. Oder: „Möchten Sie, dass das Proletariat aller Länder (wieder) Mauern aufbaut, Flüchtende an der Grenze erschießt und Sie bei kritischen Äußerungen vom Staatsschutz abholen kommt?“ Bei einer positiven Antwort hätte man ja immer noch genügend Auswahl an kommunistischen, sozialistischen, marxistischen etc. Parteien. Oder: „Denken Sie, dass an Ihrem verpfuschten Versagerleben alle Ausländer schuld sind?“ Wer hier mit nein antwortet, braucht sich auch nicht mehr mit dem Nazi-Pack beschäftigen.

Eventuell müsste man die Fragen etwas weniger polemisch formulieren ;-)

Eine Voraussetzung wäre natürlich, dass die Parteien, denen die Fragen zuvor gestellt werden, sie auch ehrlich beantworten. Dann freilich könnte es sein, dass die Portale überhaupt keine Rückmeldungen bekommen. Müssten die Macher sich eben selbst mit den Wahlprogrammen beschäftigen, hat das aargks ja auch getan.

So ist das ganze eine nette, aber einigermaßen sinnfreie Übung, denn die Auswertungen dieser Portalel zielen am Kern der Parteien vorbei.

Jetzt aber Schluss mit Ernst und kucken wir mal ein Beispiel an: Das Thema Mindestlohn ist in fast allen Parteien angekommen, nur CDU/CSU, FDP, Reps, Bayernpartei, AfD, Freie Wähler und PDV meinen, dass auch 5 Euro Stundenlohn zum Leben reichen.

Wer also denkt, dass ein gesetzlicher Mindestlohn sinnvoll wäre, hat eine riesengroße Auswahl. Aber was steht zwischen den Zeilen der Parteien, die einen Mindestlohn befürworten? Mal schauen:

  • SPD: Mindestlohn brauchen wir, sonst treten uns die Gewerkschaften noch mehr in den Arsch.
  • Linke: Ohne Mindestlohn und Soli hauen unsere Stammwähler doch ab.
  • Grüne: Mindestlohn müssen wir noch so lange befürworten, bis wir vollends in der Bourgeoisie angekommen sind.
  • Piraten: Yeah, cool. Mindest-LAN für alle! Äh, wie war die Frage?
  • NPD: Mindestlohn! Aberrrrr nurrrrrr fürrrrr Doitsche!
  • ödp: Wir sind zwar schon in der Bourgeoisie angekommen, nehmen das Thema Mindestlohn aber gerne mit.
  • PBC: Der Mindestlohn eines gottgefälligen Lebens wird Dir einst im Himmel das ewige Paradies bescheren. Aber nicht den Ungläubigen. Die kommen in die Hölle, ätsch.
  • Die Violetten: Mindestlohn ist ein von Licht und Liebe erleuchtetes Konzept, das schon der große Guru Herm-it-derkoh-le aus seinem Chakra ableitete.
  • MLPD: Mindestlohn für Stasi-Spitzel!
  • pro Deutschland: Nieder mit der NPD! Wir sind die besseren Deutschen!
  • Die Frauen: Mindestlohn für alle MenschInnen! Nieder mit dem Patriarchat!
  • Die Partei: Das Bier entscheidet!
  • Alle anderen: Mindestlohn ist doch ein toller Zug, auf den man aufspringen kann.
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11 Kommentare zu “Wahl-o-Murks: Die deutschen und österreichischen Wahlhilfen im Netz

  1. Ich hatte lustigerweise auch die Violetten mit drin. Aber nach die NPD …
    Völliger Unsinn in der Bandbreite die raus kam bzw keinerlei Hilfe

    • NPD … boah, das hab ich gar nicht ausprobiert. Aber nachdem diverse Trolle mich hier eh schon als Nazi beschimpft haben, muss ich auch mal den Test mit dem braunen Pack machen.

      Ernsthaft: Wir beide können die Ergebnisse einordnen, Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass unbedarfte Jungwähler und – sagen wir einmal intellektuelle Fußgänger – da nicht hintersteigen. Dann geht die eigentlich gute Idee, junge Leute für Politik zu interessieren, nach hinten los. Das ist echt schade.

      • Bei mir passte das eh kaum. Denn evtl. 10% der Themen fand ich wirklich wichtig, bei 90% hätte ich die Partei auch nicht gewählt, weil sie in diesen Punkten meine Meinung vertritt.

        Letztlich hatte ich glaube ich diverse linke Parteien (MLPD etc) und dazu eben Violetten (absolut unwählbar) und NPD (absolut unwählbar) und ich glaube ein paar der alten Volksparteien.

  2. Wer Mindestlohn sinnvoll findet kann ja mal schauen, wer sich als erster dafür eingesetzt hat.

    Noch eine Frage an die Experten: Ich hab mir den Wahl-o-mat nicht angetan. Aber man munkelt, es fehle auch an der Abfrage des einen oder anderen nicht ganz unwichtigen Kriteriums. Zum Beispiel der bzgl. einer Kategorischen Ablehnung, die Bundeswehrmacht ins Ausland (oder auch Inland) zu schicken …

  3. Ohne Scheiss. „Möchten Sie, dass das Proletariat aller Länder (wieder) Mauern aufbaut, Flüchtende an der Grenze erschießt und Sie bei kritischen Äußerungen vom Staatsschutz abholen kommt?” ist wirklich billig. Intellektuelle Fußgänger sagen das Gleiche.

  4. Also gerade im Wahl-o-mat sind genügend Fragen durch die sich Parteien in genügend vielen Punkten unterscheiden. Fragen, die die Rechts-Populisten runterziehen, Fragen wie den Verbot von Rüstungsexporten und dem NATO Austritt, die z.B. die Linken vom Rest abgrenzen. Natürlich kann man nicht für jede kleine Partei derartige Fragen einbringen, sonst sind es dann 100 Fragen oder so.. Und dass bei jemandem der die Linken gut findet auch MLPD und andere Linksparteien weit oben stehen (und die Violetten sind ja auch links) ist zu erwarten.
    Ich finde den Wahl-O-Mat sehr gut, er gibt genau meine politische Meinung wieder.

    Wahlkabine.at habe ich als schlechter empfunden: Z.B. unterscheiden sich die Grünen und die KPÖ nur in einer Frage, nämlich ob die lebenslange Haft abgeschafft werden soll, die Grünen sind eher dagegen und die KPÖ eher dafür. Da hätte man sich mehr Punkte suchen sollen, um diese beiden Parteien voneinander abzugrenzen.

    P.S.: Kommunismus ist nicht gleich Stalinismus, die KPÖ und die MLPD sehen keinen Diktator vor, der jeden mit einer anderen Meinung umbringen lässt..

  5. Auf http://parteivergleich.eu läuft das aber anders.
    30 Parteien schickten ihre Wunschthemen zur Bundestagswahl ein.

    Da sind ua. auch solche Fragen zu beantworten:

    Soll sich ein gut ausgestattetes Forschungsprogramm mit der Nutzbarmachung freier Raumenergie beschäftigen?
    Muss der Zuzug von Ausländern gestoppt werden?
    Soll der Kapitalismus durch ein matriarchales Wirtschaftssystem ersetzt werden?
    Muss die Ausbeutung von Mensch und Natur revolutionär beseitigt werden, weil sie nicht reformierbar ist?
    Muss der Kapitalismus durch den echten Sozialismus ersetzt werden?
    Soll ein Schauprozess gegen Angela Merkel durchgeführt werden?

    Quelle:
    http://parteivergleich.eu/index.php?Seite=Bundestagswahl_2013_Antw

    • Das ist ja interessant, danke für den Link! Genau um diese konkreten Fragen drücken sich Wahl-o-Mat & Co. Ich hab den parteivergeich gerade nur kurz überflogen, schau ihn mir aber noch genauer an.

      Schauprozess gegen Mutti *lach*…

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