Der Maurer ohne Kelle oder: Journalismus ohne Recherche ist nutzlos

Ach, was haben es die Medien schwer dieser Tage: täglich sterben Zeitungen, die Öffentlich-Rechtlichen bekommen (mal wieder) den Hintern von unserem Bundestagspräsi versohlt, die Jugend wandert ab zu Youtube-Gedödel undsofort. Der Branche geht es schlecht, sie versinkt im kollektiven Gejammer, und immer wieder fällt das Wort Qualitätsjournalismus. Liebe Medienmacher, Qualitätsjournalismus fängt mit etwas ganz Grundsätzlichem an, das ich mehr und mehr vermisse und das zum ureigensten Handwerkszeug eines Journalisten gehört, gehören sollte: mit der Recherche.

Allenthalben wird rhabarbert über Stilfragen, über gute Schreibe, schlechte Schreibe, die Edelfedern und die anderen. Es werden dicke Tränen übers Zeitungssterben vergossen, über sinkende Auflagen und einbrechende Anzeigeneinnahmen. Man regt sich auf über die Umsonstkultur und das lärmende Layout der HuffPo. Man ereifert sich darüber, wenn das widerwärtigste Hetzblatt im deutschen Blätterwald Balkendiagramme nicht richtig beschriften kann. Es wird betrauert, dass Großkonzerne kleine Zeitungen übernehmen und ein einheitlicher Mantelbrei nur noch von eine notbesetzten Lokalredaktion gewürzt wird. Die Klage über Artikel ersetzende Klickhuren ist groß. Es ist nach wie vor ein Aufreger, dass Fußballer nach gefühlten 230 Jahren Sportberichterstattung immer noch allen ernstes nach einer Niederlage gefragt werden, wie sie sich fühlen. Die Wellen schlagen hoch, wenn wegen kastrierter oder nicht mehr vorhandener Endredaktionen Tipfpehler in den Artikeln unterwegs sind. Man zürnt, wenn PR-Agenturen das tun, wofür sie bezahlt werden (den Kunden gut aussehen zu lassen und versuchen, sich in den redaktionellen Teil einzuschleichen). Man beklagt bitterlich, dass der Leser nur noch Youtube-Gejodel und Buzzfeed-Schnippsel konsumiert. Man erregt sich aufs äußerste über die tägliche Produktion heißer Talk-Luftund schreibt doch an jedem verdammten Folgetag eine Rezension darüber.

Kurz: Die Kritik an den Medien handelt von handwerklichen Fehler, von konzeptionellen Problemen und wirtschaftlichen Fehlentwicklungen. Das ist alles richtig, alles gut, auch die bildblogsche Erbsenzählerei hat einen mehr als berechtigten Daseinszweck.

Aber es geht kaum noch um das Grundsätzlichste, was den Journalismus einmal ausgemacht hat: Um eine vernünftige Recherche. Ich rede nicht vom Superinvestigativjournalismus, der mithilfe von Whistleblowern, bombastischem Scheckbuchmethoden oder schlicht superguten Journalisten die großen Skandale aufdeckt. Nein, mir geht es um die ganz normale, einfache Recherche. Für jedes Thema, sei es noch so vermeintlich unbedeutend.

Und die beginnt mit einer Vorrecherche. Liebe Schreiber, Sprecher, Funker, Sender, Onliner: Fragt doch mal vor einem Interview in der Redaktion rum, was die Kollegen zum Thema wissen, holt euch Artikel aus dem eigenen Archiv, geht ins Netz oder schaltet gar Euer Hirn ein. Schwupps hat man einen schnellen Überblick über das Thema, über seriöse und weniger seriöse Quellen, man findet ganz fix Ungereimtheiten, kann Kritik abwägen und ist gut vorbereitet, wenn man auf einen Termin geht und ein Interview führt (die Vorbereitung ist im Übrigen ein Zeichen von Respekt dem Interviewpartner und dem Leser gegenüber, denn unvorbereitet muss ich die Materie schon ausgesprochen gut kennen, andernfalls kann ich keine vernünftigen Fragen stellen, die über das übliche W-Fragen-Schema hinausgehen).

So vorbereitet, mit Kritik und Ungereimtheiten im Fragengepäck, wird das Interview gleich viel spannender. Das ist kein Ich-hau-dich-in-die-Pfanne-Journalismus. Im Gegenteil: Wer seinen Interviewpartner offen mit gut begründeter Kritik konfrontiert und auch seine Recherchequellen nennt, gibt ihm eine faire Chance, darauf einzugehen, falsch Verstandenes zurechtzurücken und Kritikpunkte auszuräumen.

Zurück in der Redaktionskemenate könnte man durchaus eine Nachrecherche in Erwägung ziehen. Denn manchmal mag es erst während des Termins zu Fragen gekommen sein, die nicht oder unzureichend vom Interviewpartner beantwortet worden sind. Oder zu Behauptungen, die nicht an Ort und Stelle überprüft werden konnten. Oder Fragen, die einem sogar erst beim Schreiben kommen. Dann möge der Journalismus eine Sternstunde erleben, der Schreiber zum Telefon greifen, beim Interviewpartner nachhaken, die Kollegen befragen, das eigene Archiv bemühen, ins Netz gehen, einen Kritiker kontaktieren, um eine Zweitmeinung einzuholen – und jetzt endlich sein Hirn einschalten.

Und siehe da, auf einmal kommt heraus, dass der supersympathische Wünschelruter doch nur lustiges Stöckchenschwenken ohne ein Femtonewton Aussagekraft betreibt. Da kommt raus, dass die Höbbadie nur sauteures Wasser ohne Wirkung ist. Da kommt heraus, dass es zwar eine tolle Geschichte ist, wenn ein Sägemühlenbesitzer eine Heil-Metheode entwickelt hat – dass sich da aber hinten und vorne etwas nicht reimt. Da kommt heraus, dass man esoterischem PR-Quark aufgesessen ist.

Und es sollte herauskommen, dass ich VERDAMMT NOCHMAL keinen verzweifelten Artikelrettungsversuch unternehme und dem Leser/Hörer/Seher unbelegte Behauptungen so lange zurechtbiege, bis von begründetem Zweifel nichts mehr übrig bleibt. Oder schlimmer: indem ich gar nichts davon schreibe.

Das nennt sich Objektivität, liebe Journalisten. Ein geradezu erhabener Anspruch, dem gerecht zu werden zwar kaum möglich ist, dessen Versuch jedoch vom Konsumenten gewertet wird als – na?: Qualitätsjounalismus.

Dabei kommt es freilich zu Komplikationen: Je lokaler die Zeitung ist, desto schwieriger wird es, kritische Distanz zu wahren. Denn der Stöckchenschwenker ist vielleicht zugleich im Gemeinderat, Vorsitzender der Kleintierzüchter und mein Onkel. Ein allzu kritischer Beitrag kann einem künftig Türen schließen. Ja. Aber nur weil der Leser abstrakter und weiter weg ist als der Fleisch und Blut gewordene Eso-Alptraum sympathische Wünschelrutenschwurbler, ist es ein umso größerer Beschiss an eben jenem Leser, ihn deshalb weniger ernst zu nehmen. Und Obacht, liebe Lokalredakteure, ihr seid nicht nur näher dran am Interviewpartner, sondern ungleich näher dran am Leser als jeder Zeit-, Spiegel oder Süddeutsche-Redakteur.

Aber ach, jammert hier das gebeutelte Personal von Print, Hörfunk, Online oder Zappelbilder: „Ich habe doch keine Zeit mehr für Recherche, die Redaktion ist immer weiter verkleinert worden, ich kann gar nicht mehr raus und recherchieren.“

Dann, mein lieber Journalist, braucht Dich auch niemand. Wie ein Maurer, der ohne Kelle zur Arbeit kommt, bist Du nur eines: nutzlos.

Oder, lieber Journalist, Du gierst danach, die Bronzemedaille bei der Bullshit-Olympiade von Kritisch gedacht abzugreifen – dafür ist Recherche kontraproduktiv.

Advertisements

3 Kommentare zu “Der Maurer ohne Kelle oder: Journalismus ohne Recherche ist nutzlos

  1. zu lange Vorrede aber inhaltlich richtig
    Der sogenannte Qualitätsquornalismus wird totgespart und macht sich damit überflüssig

  2. Pingback: Der Maurer ohne Kelle oder: Journalismus ohne Recherche ist nutzlos (Rebloggt von aargks) | Der Nesselsetzer

  3. Pingback: Phrasen ökologischer Apokalypsen | Der Nesselsetzer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s