DRadio: Verschwörungstheorie essen Recherche auf

Auf meine Kritik an seinem Beitrag über Elektrosmog hat das Deutschlandradio eine Stellungnahme geschickt. Die war relativ belanglos und das zu erwartende „Es sei dem Hörer überlassen“-Blabla. Jetzt erst habe ich mir die beiden Links angesehen, bei denen die Autorin – so scheint es – „recherchiert“ hat: Ein Lobbyverein und eine Crank-Seite aus der Verschwörerszene.

Am Ende stelle ich nochmal die komplette Stellungnahme der Autorin ein. Mir geht es um folgenden Abschnitt:

Je nachdem welche Seiten man googelt, findet man natürlich unterschiedliche Meinungen, Studien und Ergebnisse. Daher bringt es auch nichts, sich die gegenseitig um die Ohren zu hauen, weil jeder Munition findet. Etwa unter http://www.diagnose-Funk.org eine Vielzahl an Veröffentlichungen zum Thema Mobilfunk, WLAN, Schnurlostelefone etc., die eindrucksvoll die negativen Auswirkungen elektromagnetischer Felder belegen.
Auch in der Schweiz wird das Thema seit Jahren viel ernsthafter als bei uns diskutiert. Dazu nachstehend eine interessante Internetseite http://www.hese-project.org/Forum/allg/index.php?id=6894.

 

„Diagnose Funk“ ist eine selbsternannte „Umwelt- und Verbraucherorganisation, die sich für den Schutz vor elektromagnetischen Feldern und Strahlung einsetzt“. Ein eingetragener Verein aus Stuttgart. Ich verbrauche hier meinen Jahresvorrat an Gänsefüßchen, aber dieser Verein klopft Parolen raus wie „Technik ohne Sicherheit – Steuerverschwendung ohne Ende – Strahlung ohne Grenzen – Bürger ohne Rechte“ (Quelle). Oder Titelt schön Angst machend: „Gehirntumore: 15 Gründe zur Sorge“ (Quelle).

Nun sei es einem Verein belassen, seine Interessen zu vertreten und kräftig Lobby-Arbeit zu betreiben. Auch kann man den in die Recherche mit einbeziehen. Aber in der Stellungnahme nur diesen und folgenden Link zu schicken als Beleg für die negativen Auswirkungen elektromagnetischer Felder zeugt nicht von übermäßig ambitionierter Recherche.

Der zweite Link geht zum Forum des „h.e.s.e project“, und die Überschrift schreit einen gleich mit “ Mobilfunk- Wahnsinn!“ an. Weiter geht’s mit Verschwörungs-Mimimi, man werde „aufs Schlimmste gemobbt“ nebst einem Link aufs „Alpenparlament“. Liebes DRadio, recherchiert Ihr jetzt im Dunstkreis von Verschwörungstheoretikern und Rechtsesoterikern (1) (2)? Das Hese-Projekt ist reichlich wirr, als ein Beispiel sei hier das esoterische Perpetuum-Mobile-Konzept der „Freien oder Nullpunkt-Energie“ genannt, über das hier geschwurbelt wird. Tipp: ist Käse. Bonustipp: Crank nachschlagen.

Liebes DRadio: Willst Du mich verarschen? Ein Link zu einem Lobbyverein, ein Link zu einer Verschwörungsseite, das soll’s gewesen sein? Ernsthaft jetzt? Wenn die Autorin dort recherchiert hat, am Ende ausschließlich, wundert es mich nicht, dass dann ein Beitrag über die „unsichtbare Gefahr“ dabei herauskommt. Von einer Absolventin der Deutschen Journalistenschule freilich hätte ich eine saubere Recherche erwartet.

Der Rest der Stellungnahme versucht zu retten, was nicht zu retten ist, übrigens gab’s schon am Beitragstag reichlich Gegenwind auf Fratzenbuch, dies nur am Rande.

Wie ich in meinem ersten Artikel zum Thema schon geschrieben habe: Man sollte Leute ernst nehmen, die sich von Mobilfunkstrahlen et al. beeinträchtigt fühlen. Weil sie es sind. Man könnte diese Leute aufklären darüber, was elektromagnetische Felder überhaupt sind, wie sie den Körper beeinflussen und wie nicht. Man könnte dazu Wissenschaftler fragen, vielleicht einen Physiker, einen Mediziner und einen Psychologen interviewen. Man könnte einen Beitrag über psychosomatische Beschwerden machen, über Ängste, woher sie kommen, wie sie entstehen, wer sie geschäftlich ausnutzt und wie man sie in den Griff bekommt.

Ich möchte ergänzen: Man sollte seine Hörer ernst nehmen.

Hier die komplette Stellungnahme:

Sehr geehrte/r aargks,
hier eine Stellungnahme der Autorin zu ihrem viel diskutierten Beitrag in unserem Programm:
Stellungnahme:
Ich habe in meiner Reportage eine – wie ich finde – für die Reportage typische beobachtende Haltung eingenommen, ohne das Phänomen und Betroffene aber gleich als Spinner abzutun. Ich nehme sie ernst, ohne mich mit ihnen gemein zu machen. Das ist eine legitime Haltung und angesichts der eher stets negativen Berichte über Elektronsensible und ihre Macken auch nötig.
Ohne jetzt auf die einzelnen Gegenargumente einzugehen, was z. B. die Anzahl der Betroffene in der Bevölkerung angeht, schwanken die Zahlen sehr stark. Offiziell sind es in der BRD 6 %, was ca. 5 Millionen Menschen entsprechen würde. In Schweden werden Zahlen zwischen 20 – 30 % genannt. In der BRD wurden von Ärzten, die sich mit dieser Thematik eingehend beschäftigen ca. 17% genannt.
Je nachdem welche Seiten man googelt, findet man natürlich unterschiedliche Meinungen, Studien und Ergebnisse. Daher bringt es auch nichts, sich die gegenseitig um die Ohren zu hauen, weil jeder Munition findet. Etwa unter http://www.diagnose-Funk.org eine Vielzahl an Veröffentlichungen zum Thema Mobilfunk, WLAN, Schnurlostelefone etc., die eindrucksvoll die negativen Auswirkungen elektromagnetischer Felder belegen.
Auch in der Schweiz wird das Thema seit Jahren viel ernsthafter als bei uns diskutiert. Dazu nachstehend eine interessante Internetseite
http://www.hese-project.org/Forum/allg/index.php?id=6894.
Es ist natürlich auch so, dass wirtschaftliche Interessen dahinter stehen. Die Politik hat die UMTS Lizenzen für Milliarden versteigert, profitiert von Steuereinnahmen. Und die Industrie versucht natürlich auch dieses Thema klein zu halten, und Wissenschaftler die Zusammenhänge von elektromagnetischen Feldern und Gesundheit nachweisen, zu diskriminieren. Die Industrie hat das jahrzehntelang mit dem Rauchen, Asbest, Amalgam, Formaldehyd, Dioxin, Lindan etc. genauso gemacht.
Ich finde, man muss sich dem Thema nähern, ohne sich gleich auf eine Seite festzulegen (Elektrosensibilität gibt es oder gibt es nicht), sondern eher fragend – und es tut not, auch einmal die Seite derer zu hören, die darunter leiden, auch wenn sich nichts beweisen lässt. Merke: Das heißt nicht, dass es nicht überall – bei Gegnern, die Elektrosensibilität leugnen, sowie Betroffenen – nicht ebenso viele Spinner gibt.
Ich finde, ein Urteil sollte am Ende dem Hörer überlassen werden, den ich für klug genug halte…

 

Ah ja: „Und die Industrie versucht natürlich auch dieses Thema klein zu halten, und Wissenschaftler, die Zusammenhänge von elektromagnetischen Feldern und Gesundheit nachweisen, zu diskriminieren.“ (Fettung von mir, ich habe mir erlaubt ein fehlendes Komma zwecks besserer Verständlichkeit einzufügen.)

Danke für diesen WTF-Moment.

 

 

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3 Kommentare zu “DRadio: Verschwörungstheorie essen Recherche auf

  1. Also ich hatte ja schon mal ’n Heidenspaß mit kleinen selbstgewickelten Teslaspulen.
    Für andere ist sowas schon beim Hinsehen eine Höllenqual.

    Spaß beiseite:
    Die Hexenverfolger dürften auch jeweils genau das gefunden was grade nötig war,
    um ihr Treiben zu rechtfertigen. Genauso, nach dem selben Prinzip läuft’s heute.
    Aussagen mit eindeutigem Inhalt werden vieldeutig ausgebaut.
    Worte verwenden bestimmte Menschentypen nicht zur Wissensvermittlung, sondern
    nur zum reinen Selbstzweck, zur Unterhaltung und Verwirrung und können die glasklaren
    Grundlagen einfach nicht erkennen.

    (Merkbefreiungsschein ausfüllen und hinschicken)

  2. Nach Lektüre der Stellungnahme der Damen+Herren vom DRadio finde ich nun, da wurde viel gefunden, ohne vorher vernünftig gesucht zu haben. So kann man natürlich auch Programm machen. Der Hörer wird es dann schon sortieren.

  3. Liebes Dradio!

    Das ist ganz toll, das Ihr so super vorurteilsfrei seid und so gut recherchiert (zwei links! hätte auch einer sein können).

    Ich wünsch mir dann als nächstes was über Morgellons…
    Als Aufhänger könnte man Joni Mitchell nehmen, die mögt Ihr doch bestimmt auch.
    http://www.huffingtonpost.com/2015/04/02/morgellons-disease-joni-mitchell_n_6993524.html

    So ganz nebenbei:
    Geht ruhig mal wieder ins Theater, vielleicht läuft bei Euch Molieres „Eingebildeter Kranker“ bei Euch in der Nähe. Echt erstaunlich, was der schon vor so langer Zeit über E-Sensible oder Morgellongeschädigte wusste.

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