Epochale Schlichtheit: Die Schwurbelhitparade

Alle hacken auf dem armen Christian Anders herum, der – nebst vielem – nicht versteht, was eine Impfung ist. Zuvor ging’s Xavier Naidoo an den Kragen, weil er Reichsdeppenthesen verbreitet. Aber die beiden sind in bester Gesellschaft, wie die aargks-Hitparade der verschwurbelsten Schlagersternchen zeigt. Nur: Was soll eigentlich die ganze Aufregung? Wundert es irgend jemanden angesichts epochal schlichter Liedtexte wie “Fesche Dirndln machen Freude, fesche Dirndln sind begehrt, und sie haben sich bis heute, tausendfach vermehrt”, dass derjenige, aus dem diese Geräusche quillen, auch sonst jeden Unfug glaubt und verbreitet?

Auf Platz 1 der Schwurbelhitparade liegt der Neueinsteiger der Woche, Christian „Impfen ist doof“ Anders: abgehalfterter Schlagerdudler und Esoterik-Schmierant, der uns einst in seinem Lied „Das schönste Mädchen, das es gibt“, mit folgenden Reimen beglückte:

„Manchmal trifft man ein Mädchen,
das schüchtern und etwas naiv ist.
Sie schaut nur in den Spiegel
und glaubt, daß sie nicht attraktiv ist.
Aber dann kommt der Mann,
der sie nur mit den Augen der Liebe sieht.
Und sie glüht und erblüht,
weil ein Wunder geschieht“

Applaus auch für den Dauerbrenner aus Mannheim, wochenlang auf Platz 1 und aktuell auf Platz 2 immer noch ganz vorne mit dabei, Xavier „BRD ist total unsouverän“ Naidoo: christlicher Jammerlappen mit indisch-südafrikanisch-irischen Wurzeln, der sich ausgerechnet an Rechtsesoteriker, Reichsdeppen und Xenophobe ranschmeißt, und der im Lied „Bei meiner Seele“ zur tiefschürfenden Erkenntnis gelangt:

„Eigentlich können wir alle fliegen.
Eigentlich sind wir alle für die Liebe geboren.
Morgens bleibt fast jeder gern liegen,
auch wenn viele dir gerne was anderes erzählen“

Auf Platz 3, Nicole „Die Wiedergeburt“ Nicole: die Fleisch gewordene singende UN-Charta zur Völkerverständigung war schonmal da, kann asiatisch Kochen ohne Kochbuch und wusste züchtig ihre verlotterten Sexfantasien verbal zu bändigen in „Mehr als nur zusammen schlafen geh’n“:

„Denn du gibst mir Wärme, wenn die Seele friert
und du bleibst bei mir, wenn ich den Mut verlier.
Glücklich sein und Tränen mit dir durchzustehn
ist mehr als nur zusammen schlafen geh’n“.

Hingegen auf Platz 4 platzt Antonia „Alternativmedizin gegen Krebs“ aus Tirol geradezu aus ihrer Oberbekleidung heraus mit der aus „Ich bin viel schöner“ literaturnobelpreisverdächtigen Liedgutzeile:

„Meine Superpampelmusen sind der Gipfel in der Blusn“.

Knapp dahinter auf Platz 5 liegt Jürgen „Bioresonanz-Wasser“ Drews: ein ganz und gar nicht in Wasser, sondern in Bier eingelegter Feingeist, dem die Welt das Universum aus dem Poem „König von Mallorca“ folgenden Vers zu verdanken unwürdig ist:

„Ich bin der König von Mallorca.
Ich bin der Prinz von Arenal.
Ich habe zwar einen an der Krone,
doch das ist mir scheißegal“

Platz 7 geht an den Gunter „Astrologie statt Genie“ Gabriel: Schon in seiner vor rund 400 Jahren erschienenen Grundsatzerklärung „Komm unter meine Decke“, brach er kontrafaktisch mittels textueller Originalität jegliche kompositorische Konvention und sprach:

„Komm unter meine Decke,
Du brauchst dazu nur etwas Mut.
Und wenn ich mich nach dir strecke,
dann wirst du seh’n, wie gut dir das tut.“

Auf Platz 8 und leider seit Jahren auf dem absteigenden Ast ist Juliane „Höbbadie©“ Werding: Nach ihrer Gesangseinlage in Film, Funk und Fernsehen sattelte die gelernte PR-Fachfrau auf den nicht minder seriösen Berufszweig der Heilpraktikantin Heilpraktikerin um, wo sich sich seither dem höbbaddischen Wasser- und Zuckerkügelchengeschwurbels widmet. Doch in übersinnlich vorausschauender Art wusste sie schon damals in „Zeit für Engel“ über die Veränderung an sich zu singen:

„Zeit für Engel, Zeit für Licht,
wisch die Tränen vom Gesicht.
Zeit für Abschied und Beginn,
es hat alles einen Sinn.“

Ganz wenig Sinn hat Platz 9 und damit der letzte Platz in der aargks-Hitparade der verschwurbelsten Schlagersternchen, weit abgeschlagen: Haaaaaansi „Granderwasser“ Hinterseer! Ob das Lied „Fesche Dirndl“ unter dem Einfluss des hochinformierten, total durchenergetisierten und überhaupt Gutwassers aus dem Hause Grander entstand – die Musikwissenschaft streitet noch. Doch Hansi, nicht traurig sein, dass Du mit dem faden H20 den letzten Platz belegen musst. Sieger der Textherzen bleibst Du für immer, denn nur Du verstehst es meisterhaft, epochale Schlichtheit, bodenlose Dummheit und dumpfen Sexismus in nur wenigen Zeilen zu vereinen:

„Fesche Dirndln machen Freude,
fesche Dirndln sind begehrt.
Und sie haben sich bis heute
tausendfach vermehrt.
Ja wir Männer sagen Danke,
unser Herrgott hat´s vollbracht,
denn all die feschen Dirndln
sind nur für uns gemacht“.

 

Meine Nerven. And now to something completely different:

 

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3 Kommentare zu “Epochale Schlichtheit: Die Schwurbelhitparade

    • Der fiel – völlig klar, oder? – der aktuten Schwurbelitis zum Opfer.

      Äh.

      Damn! *rot werd*

      Aus der Nummer komm ich nicht mehr raus, und ich finde auch keinen vergessenen Platz in meiner Offline-Vorlage. Na gut, für die nächste Hitparade werde ich versuchen, die Zahlen 1 bis 10 besser zu beherrschen ;-)

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