DRadio: hartnäckige Rechercheverweigerung

Mit einem sensationell einseitigem Beitrag über Elektrosensibilität kommt das Deutschlandradio schon wieder mit Pseudowissenschaft und Panikmache daher. Autorin Tina Hüttl rennt los mit falschen Prämissen, verdrischt Stohmänner und interviewt Gaga-Entstörer. Den Schaden haben elektrosensible Menschen.

Ende Februar habe ich hier einem selten unreflektiertem DRadio-Beitrag über Elektrosmog hinterherrecherchiert. Die Autorin hat sogar eine Stellungnahme rübergereicht, bei der ersichtlich wurde, wo sie sich wohl informiert: Bei Crank-Seiten aus der Verschwörerszene.

Jetzt kam der nächste Streich: Am 19. April ging „Im Spannungsfeld – zu Besuch bei Elektrosensiblen“ über den Sender. Diesmal war sie zu Besuch beim „Verein für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte e.V.“ Sie lässt Elektrosensible zu Wort kommen, die von Schlafstörungen und anderen Belastungen berichten. Soweit, so gut.

Nicht so gut ist der Strohmann, den sie aufstellt, der auch schon im Vorspann zum Einsatz kommt und später im Beitrag, Zitat Hüttl: „Genau hier fängt er schon an – der Streit zwischen denen, die Elektrosensible für Spinner halten und Menschen, die sagen, sie können WLAN, Mobilfunkantennen und Handys spüren.“ Das ist Unfug. Es gibt nicht diese zwei Pole, aber Hüttl richtet es sich mit dieser mauen Argumentation gemütlich ein. Denn wer andere als Spinner abtut, ist ja nicht ernst zu nehmen.

Aber ich habe Hoffnung, denn Hüttl fragt weiter: „Wie wirkt elektromagnetische Strahlung auf den Körper und was merkt der Mensch davon wirklich?“ Das genau ist er Knackpunkt in der ganzen Diskussion. Wie Hüttl hingegen die Antwort auf ihre Frage grandios versemmelt, ist ein Musterstück aus der Tragödie „Wer braucht schon Recherche, wenn’s eine Meinung auch tut“.

Denn „alle werfen mit Zahlen um sich“, klagt die Autorin. Ja mei, eine tolle Aufgabe von Journalisten ist es, Zahlen auszuwerten, Zusammenhänge darzulegen und für den Hörer einzuordnen. Kann man machen. Man kann aber auch windelweichen Kram von sich geben, Zitat: „Wissenschaftler, Ärzte und Baubiologen, die sich mit dem Thema beschäftigen, schätzen: Es sind zwischen 17 und 20 Prozent. Das Bundesamt für Strahlenschutz wiederum spricht davon, dass sechs bis neun Prozent der Deutschen betroffen seien. Und die Industrie sagt: Unterhalb der zugelassenen Grenzwerte sei Elektrosmog nicht wahrnehmbar und völlig ungefährlich.“

Nota bene: Das Bundesamt für Strahlenschutz sagt nicht, dass man Handystrahlen spüren kann, sondern, dass es das Phänomen der Elektrosensibilität gibt. Das fiese, geradzu hinterfotzige, an dieser Stelle ist: Hüttl gibt die Antwort auf eine andere Frage und suggeriert damit, dass Elektrosensibilität in dem Sinne existiert, dass man sie spüren kann. Das genau ist aber grundfalsch. Hätte man recherchieren können.

Die hartnäckige Rechercheverweigerung wird noch durch dümmliche Wortakrobatik getoppt, Zitat: „Gewissheiten gibt es keine, nicht einmal beim Bundesamt für Strahlenschutz. Hier heißt es ziemlich umständlich: Als Fazit der zahlreichen bisher durchgeführten Studien ergibt sich, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und den Beschwerden elektrosensibler Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.“ Was bitte ist an diesem Fazit unverständlich? Ich versuch’s mal auf Einfachsprech für Frau Hüttl: Ganz viele schlaue Leute haben nachgeschaut, ob Handystrahlung krank macht. Ergebnis: Nein.

Nicht fehlen darf Verschwörungsgelaber vom Feinsten, Zitat: „Weil der Staat die Mobilfunklizenzen für Milliarden versteigert hat und an den Konzernen kräftig Steuern verdient, ist es [Anm.: das Problem] auch ein politisches.“ Jaja, der Staat und die Industrie reden das Problem klein. Aua aua aua. Was Hüttl hier suggeriert, würde ich bei Truther-Seiten und echten Spinnern aus der Verschwörerszene vermuten. Dass so etwas im DRadio gesendet wird, ist reichlich schwach.

Auch ihren Wünschelruten-Hokuspokus aus dem ersten Beitrag käut Hüttl schamlos wider und setzt noch einen drauf, denn Elektrosensible seien laut ihres Haus-und-Hof-Stöckchenschwenkers: „Vorreiter der Evolution – die, die einen Sinn für das entwickelt haben, was der Mensch eigentlich nicht spüren kann.“ Das ist so derart kreuzdämlich, dass man nicht mal einen Mediziner zu interviewen braucht, was denn das nun für neue Rezeptoren seien. Andererseits: Das wäre mal eine Story für den Pulitzer-Preis.

Wie im ersten Beitrag begleitet Hüttl den Wünschelruter (der zufälligerweise auch im Bundesverband Elektrosmog e.V. Mitglied ist) bei seiner Arbeit. Nochmal, Frau Hüttl: Wünschelruterei ist vollkommener Unsinn. Damit findet man nichts. Keine nicht existierenden Wasseradern und erst recht keine Mobilfunkstrahlung. Recherche, erstes Semester.

Macht aber Hüttl nichts, denn der Hokuspokus-Meister tut nur Gutes bei seinen Kunden, Zitat: „Bei ihnen, erzählt er, spürt er mit der Wünschelrute Wasseradern auf und mit Messgeräten nieder- und hochfrequente Strahlung, die von Steckdosen, Mobilfunkantennen und Routern kommt.“ Das „Messgerät“ ist ein Knatterkasten, den ich schon im ersten Artikel zum Thema behandelt habe. Aber mit 400 Euro pro Hausbesuch hat sich so ein Gerät schnell amortisiert, zumal wenn das DRadio diesen Schmarrn abfeiert und neue Kunden Opfer in die Arme des Wünschelruten-Schwurblers treibt.

Der darf Anekdoten von sich geben, wie toll er ist. Grundgütiger, natürlich geht es elektrosensiblen Menschen besser, wenn man die Funkantenne abschaltet oder den Router aussteckt. Recherchetipp Placebo. Man könnte auch recherchieren, wie ein vernünftiges Studiendesign aussieht, doppelverblindet und randomisiert wäre ein Anfang. Man könnt dann zur Kenntnis nehmen, dass eben solche Studien keinen Zusammenhang herstellen können zwischen strahlendem Funkmast und Krankheit. Man könnte sich dann als seriöse Journalistin überlegen, was die besseren Ergebnisse bringt: Anekdote oder Studie. Man kann’s aber, wie Hüttl, auch nicht mal erwähnen.

Unfreiwillig komisch wird es beim Hausbesuch bei einer Dame, die unter Schlaflosigkeit leidet, seit sie neben einem Mobilfunkmasten wohnt. Der Knatterkasten-Schamane diagnostiziert aber keinerlei Funkstrahlung. Zitat der Kundin: „Ahh, deswegen haben wir kein Handyempfang.“ Ich schmeiß mich weg.

Damit’s nicht zu heiter weitergeht, muss eine andere Belastung erfunden werden, und das können die Stöckchenschwenker: Zum Glück werden eine Wasserader und schlecht isolierte Stromleitungen entdeckt. Hut ab vor dieser Kreativität.

Fazit: Autorin Hüttl hat eine offensichtliche Rechercheallergie. Sonst hätte sie schnell herausgefunden, dass Wünschelrutelei schwerer Blödsinn ist. Sonst hätte sie auch jemanden gefragt, der etwas vom Thema versteht, einen Wissenschaftler oder Arzt. Aber Hüttl will davon nichts wissen oder verschweigt absichtlich die ziemlich gute Studienlage. Das ist erbämlicher Journalismus, für den sich jeder Lokalblatt-Praktikant in Grund und Boden schämen würde.

Was mich ankotzt an solchen alarmistischen und Panik machenden Beiträgen: Hüttl schadet elektrosensiblen Menschen oder solchen, die es werden wollen. Denn nochmal: Ja, das Phänomen der Eletrosensibilität existiert. Betroffene Menschen leiden darunter. Das sind keine Spinner. Es gibt aber keinerlei Hinweise, dass Handystrahlen und Co erstens spürbar sind und zweitens krankmachende Auswirkungen haben.

Und zum dritten Mal: Man sollte Leute ernst nehmen, die sich von Mobilfunkstrahlen et al. beeinträchtigt fühlen. Weil sie es sind. Man könnte diese Leute aufklären darüber, was elektromagnetische Felder überhaupt sind, wie sie den Körper beeinflussen und wie nicht. Man könnte dazu Wissenschaftler fragen, vielleicht einen Physiker, einen Mediziner und einen Psychologen interviewen. Man könnte einen Beitrag über psychosomatische Beschwerden machen, über Ängste, woher sie kommen, wie sie entstehen, wer sie geschäftlich ausnutzt und wie man sie in den Griff bekommt.

Daran besteht offensichtlich kein Interesse beim Deutschlandradio.

 

 

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6 Kommentare zu “DRadio: hartnäckige Rechercheverweigerung

  1. Ich muss ja gestehen: mittlerweile schalte ich DRadio einfach ab, wenn eine „Wissenschaftssendung“ kommt – da ist leider von Wissenschaft in der Regel gar keine Spur mehr – da hab ich mich vor Jahren schon heftig drüber aufgeregt, und von einem der Autoren auch eine reichlich bescheuerte Antwort bekommen (dabei hatte ich den gar nicht gefragt, sondern das Deutschlandradio, wieso die solch einen Unsinn senden – darauf wollten die mir aber nicht antworten).

  2. Es sind prinzipiell alle Menschen elektro sensibel. Viele Abe derart abgestumpft dass sie es nicht mehr merken. Ich merke es. Viele die ich kenne auch. Ihre Vorstellungenskraft ist deutlich geringer als sie von Natur aus sein sollte. Eine Schande für unsere Spezies

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