Blood, sweat and Menschenwasser

Mein Schwurbel-O-Meter hat sich atomisiert. Ein Münchner Hokospokus-Versand nebst Laden bietet „Menschenwasser“ zur Gesundheitspflege an. Für schlanke 790 Euro pro Liter. Das Beste, Zitat: „Es ist völlig frei von Wirkstoffen“. Das Schlimme: Es handelt sich nicht um ein Satireprojekt.

Eigentlich ist’s ein alter Hut, denn das Thema geisterte bereits vor Jahren durchs Netz. Ich kannte es nicht, und es ist einfach zu köstlich, um ungeschrieben zu bleiben. Damals kam ein Wasserschwurbler auf die grandiose Idee, „Butzwasser“ zu verkaufen. Destilliertes Wasser mit esoterischem Klimbim behandelt, und schwupp, braucht’s keine böse Chemie mehr zum Putzen. Dafür hagelte es gerechterweise Häme im Psiram-Forum – mein Lieblingszitat: „Isch hab hier aach öffder Butzwasser. Des is die Brie nachm butze von de Buud“ – es gab einen Eintrag im dazugehörigen Wiki, und im Utopia-Forum blamierte sich der Wunderwassermixer himself bis auf die Knochen, weil er die DHMO-Satire nicht verstand.

Jetzt kann man das Superwasser aber nicht nur zum Putzen verwenden, sondern es auch trinken und sich damit einsprühen. Das ist dann „Menschenwasser“ und ich habe noch nie, nie, NIE !!!!eins!!!!elf!!!, eine derart dreiste Abzocke gesehen.

Aber der Reihe nach: Es gibt ein „Lichtmatrix Laboratorium“ in München, das sieht so aus:

Mnja. In einem der Läden (das ist ein altes Street-View-Bild) haust mittlerweile der Auenladen. Lichtmatrix und Laden gehören Hubert Maria Dietrich, einem Musiker, der – entgegen meiner Erwartungen – ganz gefällige Liedchen macht. In meiner Schwurbelhitparade geht’s deutlich schlimmer zu.

Wäre er nur beim Singen geblieben. Stattdessen vertickt er „Menschenwasser“. Anzuwenden „zur regelmäßigen Gesundheitspflege, zur Regeneration als Kuranwendung und für die Akut-Anwendung“. Ein paar Tröpfchen aus der Pipette ins morgendliche Wasserglas, und alles wird gut. Oder in den Zerstäuber, auch toll. Denn das, was man dann zu sich nimmt, ist „Aqua Purificata mit Lichtmatrix®-Deisolyse® – Technologie „. Bämm.

Jetzt stelle mer uns mal janz blöd (welcher Film?) und fragen: Was ist Aqua Purificata? Antwort: Destilliertes Wasser. Hui. Destilliertes Wasser zu trinken ist – das nebenbei – eine nur mäßig gute Idee. Aber wer lediglich vier Tropfen in sein Wasserglas tröpfelt – sei’s drum. Übrigens: Destilliertes Wasser gibt’s zum Beispiel hier für 72 Cent pro Liter.

Ein schönes Beispiel, mit pseudo-wissenschaftlichem Vokabular Eindruck schinden zu wollen, ist nicht nur das Aqua Purificata, sondern auch die „Lichtmatrix-Deisolyse-Technologie“, die mit den vielen Rs oben. In der Tat haben Dietrich und Maria Magdalena Sange, seine Frau und Plastikschamanin, diese Begriffe als Wortmarke eintragen lassen. Ich wüsste ja zu gerne, was Deisolyse ist, und dem aargks kann geholfen werden, Zitat aus dem Katalog: „Mit Deisolyse® bezeichnen wir das Verfahren zur Herstellung von deisolytischem Wasser. Die Reaktion auf dieses Wasser lässt bestimmte, „informationsentleerte“ Räume und Wirkfelder entstehen.“

Informationsentleert ist sehr, sehr schön gesprochen. So fühlt sich mein Hirn bei der Lektüre der Deisolyse-„Definition“ an. Nun, nichts genaues weiß man nicht, nicht was es ist und was es wie warum macht. Dabei weiß doch jeder, dass Isolyse seit dem zweiten Khitomer-Abkommen verboten ist. Aber nun gut, man kann nie genügend deisolysieren.

Das Menschenwasser besteht jedenfalls aus, man glaubt es kaum, Wasser. Aber mit Deiso-Matrix-Dingsbums behandelt, zappzerapp! Und, um es „haltbar“ zu machen, aus 20 Prozent Ethanol. Damit pegelt sich das Zeug zwischen Wein und Wodka in der Umdrehungsskala ein, womit meiner bescheidenen Meinung nach folgende Werbeaussage zwar lustich aber auch ein klein bisschen irreführend ist: „Es ist völlig frei von Wirkstoffen und ohne Einschränkung anwendbar.“ Ich weiß nicht, wie ein trockener Alkoholiker darauf reagieren würde.

Doch genug geblödelt. Zusammengefasst gibt es wirkstoffreies, destilliertes Wasser mit Ethanol gepanscht für 790 Öcken auf den Liter. Ich dachte wirklich, wirklich, wirklich, dass das Satire sein muss. Ist es aber nicht. Ich geh meinen Schwurbel-O-Meter reparieren und genehmige mir ein paar Tropfen Gerstenwasser.

 

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Ein Kommentar zu “Blood, sweat and Menschenwasser

  1. Herrschaften, das hat schon Charme, dieses Butzwasser. Und knallhart kalkuliert, um den Leuten das rettende Deisolytikum überhaupt anbieten zu können. Und sogar einen griechischen FachBegriff gebastelt, damit es auch nach was klingt, das kriegt auch nicht jeder hin.

    Apropos griechischer Fachbegriff: Auf Pons finde ich δεισιδαιμονία – Aberglaube. Spätestens da ist doch kein Halten mehr. Darauf ein Butzwasser!

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