Physiognomik: Nazi-Gesichtskunde reloaded

In einem Jubelperserartikel lässt die Frankfurter Neue Presse eine Unternehmensberaterin vom Aussehen auf den Charakter schließen. Physiognomik heißt das Konzept, das aus der Antike stammt, von den Nazis zur Rassenkunde benutzt wurde und nur eines ist: Quark.

Quark freilich, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Besagte Beraterin Strobel ist hoch aktiv in den Medien und bietet für Gruppen von 20 Teilnehmern Halbtageskurse für 199 Franken pro Kopf an, wer Trainer werden will, drückt knapp 2.000 Öcken ab. Da lernen sie dann die Grundlagen der Physiognomik, um ihr Gegenüber einordnen und verstehen zu lernen.

Sein Gegenüber zu verstehen ist ja erstmal nichts Verwerfliches, man kann Mimik und Gestik deuten lernen. Man kann lernen, Zwischentöne der Sprache zu interpretieren, man kann seine Empathie trainieren, man kann versuchen, sich in den Anderen hineinzuversetzen. Das ist sehr komplex und schwierig.

Die Physiognomik hingegen macht es sich recht leicht und sagt: Eine Kopfform macht Aussagen über den Charakter, PÄNG aus und fertig. Das ist ein Jahrtausende altes Konzept – und funktioniert halt nicht. Nichtsdestotrotz hat es sich seit der Antike gehalten, und die Nazis im Besonderen mit ihrer ekligen Rassenkunde sind voll darauf abgefahren.

Schade ist es eigentlich schon, dass zum Beispiel abstehende Ohren oder Stupsnasen nichts darüber verraten, ob ein Mensch ein Arschloch ist oder nicht. Die Welt könnte so einfach sein. Ist sie aber nicht. Was die in der Schweiz ansässige Unternehmensberaterin nicht davon abhält, eben jenen Physignomik-Schwachsinn zu promoten. Nun steht es Jederfrau frei, Blödsinn in die Welt zu posaunen – dass eine Zeitung das unreflektiert widerkäut, ist lausig.

Macht das aargks halt mal wieder einen auf Recherche und den Check, ob Physiognomik tut (Spoiler: Nö.).

Der Artikel sagt zum Beispiel über Thomas Schaaf, ein Bundesligatrainer, Zitat: […] sieht sie als „typischen Testosteron-Junkie und Grenzgänger, der wegbeißt, wenn nötig“.

Ich meide diesen Sport, so gut es geht, aber jeder, der in den vergangenen drölfzig Jahren mal über die Sportschau gezappt hat, kennt Thomas Schaaf. Das ist ein Fußballtrainer, der unglaublich abgeht an der Seitenlinie. Der brüllt und schreit und mitfiebert und geradzu rauschhaft abgeht. Wer diesen Menschen nur ein einziges Mal bei seiner Berufsausübung gesehen hat, der weiß – ganz ohne Physiognomik -: Das ist ein Typ, der seinen Beruf mit einer gnadenlosen Leidenschaft ausübt, der am Spielfeldrand mitleidet bis ins Mark, der einen guten Pass seiner Mannschaft feiert, dem ein Nierenstein abgeht, wenn seine Mannschaft verliert, der austickt, wenn seine Mannschaft gewinnt. Kurz: Ein Testosteron-Junkie, der wegbeißt, wenn nötig. Ja was denn sonst? Den Eindruck eines in sich versunkenen Mönchs mit Schweigegelübde macht er nun wirklich nicht.

Was hat das mit Physiognomik zu tun? Nichts, gar nichts.

Anderes Beispiel, Zitat: „Doppelkinn heißt immer doppelter Boden, sich in Sicherheit bringen. Ich sehe Suchttendenzen und Selbstwertproblematiken.“ Ahhh ja. Jemand mit Doppelkinn hat Suchttendenzen (tscha, der Möppel hat halt seinen Schokoladenkonsum nicht im Griff). Und Probleme mit dem Selbstwertgefühl (tscha, weil der Möppel halt keiner sein will). Das ist nicht mal mehr triviale Küchenpsychologie. Das ist, wie in anderen Schwurbelvorhersagen wie Astrologie oder Kaffeesatzlesen, lediglich so verdünnt verallgemeinert, dass es auf den ersten Blick stimmig wirkt.

Interessant, das nur am Rande, dass die Dame den Begriff Physiognomik eher meidet. Bis auf den Link oben spricht sie von Physiognomie. Und von sich als „Pysiognomie Expertin“ (spendiert wer nen Bindestrich? Wurscht). Das sind aber zwei unterschiedliche Begriffe: Physignomie bezieht sich ganz banal auf das Aussehen eines Menschen. Physiognomik meint, aus der Physiognomie Schlüsse auf Charaktereigenschaften ziehen zu können. Dass das Käse ist, lernt jeder Medizinstudent, der das Fach Medizingeschichte über sich ergehen lassen muss. Es ist ein naturwissenschaftliches Scheinwissen.

Damit kann man hausieren gehen, was schon an sich recht peinlich ist. Dass eine Zeitung nicht mal ganz kurz recherchiert, ist aargks.

 

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Diesen Blogeintrag hatte ich kurz nach dem Erscheinen des Artikels im April angefangen. Computertrouble hat’s verschoben. Aber hey, ich bin ja nicht Euer Aktuellbärchen ;-)

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2 Kommentare zu “Physiognomik: Nazi-Gesichtskunde reloaded

  1. Ich finde, man sollte mal Graphologen, Physiognomiker, Aurafühler, Traumdeuter und Handlinienleser gegeneinander antreten lassen. Die sollen jeder möglichst wenig von den behandelten Personen sehen. Die Graphologen kriegen nur eine bestimmte Menge handschriftlichen Text, nicht aber Namen, Alter, Geschlecht, Herkunft, Beruf usw. Die Physiognomiker kriegen nur das Gesicht (geht das vom Foto? Von Videos?) und sonst nichts, nciht einmal die Körpergröße sollen sie sehen können. Für Aurafühler, Traumdeuter, Handlinienleser gilt das entsprechend. Und dann vergleicht man mal die Ergebnisse und setzt sie in Beziehung zu den Testpersonen. Da würde ich nur statistisches Grundrauschen erwarten.

    Ich weiß gar nicht, warum mir da jetzt In der Hotelhalle von Tucholsky einfällt…

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