Schmodderfossilisten: Zum Steinerweichen

Das aargks wird heute vier Jahre alt – noch in den Babyschühchen steckt ein neues Thema auf der nach oben offenen Schwurbelskala: Eine junge Bewegung mit eigener Youtube-Universität (ja, ganz ohne Ironie), und es existieren sogar eine deutsche „Wissenschafts“website auf Facebook, ein Blog und noch eine Youtube-Seite. Es geht um die ganz großen Fragen: Wo kommen wir her, welche Wesen haben einst die Erde bevölkert, und warum hat meine Kneipe das Bier wieder verteuert. Vergesst Chemtrails, flache Erde und Wünschelruter, jetzt kommen die Mudfossils!!!!11!!eins!!!!

Mudfossils hört sich nach Fossilien aus Schlamm, Dreck oder Lehm an, und in der Tat bescheinigt Wikipedia Schlamm, ein sehr gutes Erhaltungsmedium zu sein. Das freut den Paläontologen außerordentlich, denn ohne Fossilien wär er nix. So aber kann er in der Erde buddeln und dankt dem Matsch auf Knien, dass er Dinosaurier, Ammoniten und sontiges Urgeviech fossiliert hat.

Dem widersprechen die Schmodderfossilisten, wie ich sie mal nennen mag, keineswegs. Freilich haben sie SENSATIONELLES herausgefunden, zum Beispiel, als sie einmal durch den Wald von Fontainebleau spazierten und dies gesehen haben:

By Christoph Praxmarer (Own work) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

Für mich sieht das aus wie Elefant beim Kacken, der einen Drops lutscht, was auch anderen vor mir aufgefallen ist und das Dingen deshalb den Namen „Le rocher l’Éléphant“ – Elefantenfels – bekommen hat. Nennt sich Pareidolie, ist keine Krankheit, sondern bezeichnet den netten Effekt, wenn unser Hirn uns Sachen „sehen“ lässt, die nur so tun als ob. Jeder kennt das schöne Spiel, mit Anderen in den Wolken nach Drachen, Hunden, Krokodilen und Biergläsern zu suchen und sie gemeinsam auch zu „sehen“.

„Nein, nein!“, widerspricht der Schmodderfossilist energisch, „was aussieht wie ein Elefant, muss auch einer sein.“

„Aber das Ding ist aus Stein“, möchte man schüchtern einwerfen und tut es.

„Genau!“, sagt der Schmodderfossilist, „ein versteinerter Elefant!“, und schließt die Beweiskette ab.

Na gut, kommt ja auch in etwa hin in Form und Größe, denkt man sich und spaziert von dannen. Und während man sich am „Rocher de la Tortue“ ergötzt, kommt der Schmodderfossilist hinterm Fels hervorgehüpft und schreit „Schildkröte!“

„Respekt, eine Schildkröte, größer als der Elefant vorhin, bist Du Dir sicher?“, fragt man schüchtern weiter.

„Genau,“, sagt der Schmodderfossilist, „das ist der Beweis, dass einmal riesige Schildkröten auf der Erde gelebt haben, die dann versteinerten“, schließt die Beweiskette nochmal ab, macht eine Youtube-Universität auf, beglückt die Welt mit einer „Wissenschafts“website auf Facebook (wo sonst), und weil er gerade so in Schwung ist und derart große Schildkröten (denn es muss eine sein, sieht ja aus wie eine) wahnsinnig mystisch sind, nennt er seine „Wissenschafts“website nüchtern, seriös und wissenschaftlich „Fossilien der Götter“.

Da schreibt er dann Sachen wie: „…wer hier noch glaubt, dass dieses Gestein so natürlich entstanden ist, dem ist nicht mehr zu helfen!“

screen_wald

Screenshot

Und fortan sieht er in jedem Stein ein Mudfossil, und die sind alle rrrrrrichtig groß. Nicht nur die Tiere, zum Beispiel sieht der Kamerad hier aus wie ein versteinerter Pilz, oder etwa nicht?

Wahnsinn. Aber wo lastwagengroße Schildkröten und drei Stockwerke mächtige Pilze – da muss doch noch … Menschen. Große. Sehr, sehr große. Riesen, Titanen gar. Mein Indonesisch ist ein wenig eingerostet, aber die Bilder sprechen für sich: Wer hier seinen Fußabdruck hinterlassen hat, zeigte wahrlich Größe:

In China sieht man von den Titanen sogar Gesichter, oder hier in Ecuador. Versteinerte Riesen, sehen ja so aus. Aber nicht nur Köpfe, auch dieses (nur bedingt jugendfreie) Foto zeigt die Mächtigkeit der einstigen Erd-Titanen.

Deswegen folgert der Schmodderfossilist knallhart, dass früher nicht nur alles besser, sondern vor allem viiiiiieeeel größer war, Titanen und weißdasaargksnichtalles unterwegs waren, und dokumentiert zum Beispiel die ganzen versteinerten Drachen, die offensichtlich überall zu sehen sind:

Im Vorbeischlendern beweist er noch, dass Neutronen eigentlich Elektronen sind. Der Sinn dieser Übung erschließt sich mir nicht so ganz, aber wissenschaftlich, wie die Schmodderfossilisten sind, gehen sie der Frage nach, wie es denn zu diesem Riesenwachstum kommen mag? Ganz einfach, klärt man auf, Zitat:

Der wichtigste Faktor hierbei, der sich uns am wahrscheinlichsten erweist, ist die Sättigung mit reinem Oxygen d.h. des Sauerstoff in der Atmosphäre der Erde! Während Wissenschaftler heutzutage von einer Konzentration von 20% Oxygen sprechen und einige Kritiker sogar von nur 15% ausgehen, herrschte damals eine Anreicherung von bis zu 95% reinem Sauerstoffs in der Luft[…]

Kurz überlegen, mmmmh, nö. Der Sauerstoffanteil lag maximal bei ca. 35 Prozent. Aber ich hätte gerne das Spektakel gesehen, wenn ein Vulkan in einer 95-prozentigen Sauerstoffumgebung Feuer spuckt. Dann wird noch über hochwertige Kost für die Tiere früher gefaselt, über stärkere Schwingungen und Energieströme im elektro-magnetischen Feld (welchem, verrät man nicht), daraus folgt eine Supi-Dupi-Ernährung der Menschen, die dann entsprechend auch ihre Hormonproduktion gesteigert haben – und das alles führte zu Megawachstum. So war denn Adam (der Typ mit dem Apfel und der Rippenfrau) 15 Fuß hoch, stattliche 4,75 Meter. Über 10 Meter waren irgendwelche Karthager undsofort. Wenn ich mir die versteinerten Gesichter in den Bergen ansehe, komme ich auch mal auf geschätzte 100 Meter. Aber was weiß ich schon.

Velleicht sollte man den Schmodderfossilisten einen Ausflug zum Mount Rushmore nahelegen. Da sind ganz dolle eindeutig versteinerte Menschen zu sehen.

von Squared by Juan Pablo Arancibia Medina (ORIGINAL) [Public domain], via Wikimedia Commons

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7 Kommentare zu “Schmodderfossilisten: Zum Steinerweichen

  1. Ich habe einen kleinen Stein in Herzform und frage mich jetzt natürlich, wer mag das wem aus der Brust gerissen haben? Er war eine Liebesgabe von einem einstigen Liebsten, immer wieder gerne mal hervorgekramt und poliert (das Steinchen, nicht der Liebste). Durch die neue wissenschaftliche Theorie mit der Versteinerung, auf die Du uns hinzuweisen beliebtest, könnte mir jetzt der Spaß dran verdorben sein. Echt gemein von Dir! Muss denn alles an das Licht der Wissenschaft gezerrt werden?

    Aber im Ernst jetzt – mach doch mal einen Wettbewerb, wer die abartigste Schwurbel-Idee im Netz findet. Für mich ist das bisher ja die Flache-Erde-Theorie, obwohl die ein bisschen dadurch abgewertet wird, dass viele glauben, das wären Satiriker, die sie verbreiten, und das wenige wirklich dran glauben, sondern bloß die echten Spinner verarschen wollen.

    • Da hab ich auch schon drangedacht, an so einen Wettbewerb. Allein: Kaum denkste, dass Du den Platz 1 gekürt hast, kommt eine neue Kannste-Dir-nicht-ausdenken-Theorie rüber.

      Ich wurschtel genkanklich an einer Neuauflage des Schwurbeltests zu Bundestagswahl herum, an der diesmal auch weitere Schwurbel-Faktoren (Aussage vs. Tat etc.) Einzug halten. Mal schauen.

      Und überhaupt: Polierte Herzsteine gelten immer ;-)

      • ‚Neuauflage des Schwurbeltests zu Bundestagswahl mit weiteren Schwurbel-Faktoren
        (Aussage vs. Tat etc.)‘
        oder Allgemeinplatzplatitüde vs. Konkrete Fakten und Zahlen, zum Beispiel:
        – Mehr Gerechtigkeit vs. 1000 (Bsp.) Euro Grundeinkommen –
        Ein Schwurbel- und Schwatz-Test sozusagen.

        Ich fände es gut, wenn Du da weiter wurschteltest.

  2. Also, ich verstehe Euch Evolutionsspinner nicht. Erst nölt Ihr dauernd von wegen Fossilien hier, Fossilien dort, und der abgebrochene Backenzahn eines Wildschweins soll beweisen, dass der Mensch vom Affen abstammt oder so (da war mal was), aber jedenfalls in den Fossilien liegt die Wahrheit. Und jetzt gibt man Euch Fossilien und da ist es auch wieder nicht recht. Shit or get off the pot!einself!

  3. Däniken re-loaded. Oh weh. Wird er oder ähnliche Gehirne noch in die UNI gelangen?
    Es fehlt dann noch der Beleg dass die Scheibenwelt tatsächlich existiert, getragen von Schildrkröte(r) und Elefanten derer vier. Stimmt, sie existiert. In meinem oder deinem Bücherregal.

    Und! Hurrah der Mensch stammt nicht vom ,,Affen“ ab. Ja von wo kommt er wohl her… aus Mauthausen bitte sehr.

    • Vielen Dank :-)

      Ja, bin wieder da, aber mit bissl gebremsten Elan. Hab aber gerade einen neuen Artikel in der Mache, vielleicht wird’s heute noch was.

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