Reichsburgerwochen XI: doppelseufz – Plausibilität und Logik, Abschluss und Bewertung

Wer hat sich denn diese öde Proseminarüberschrift ausgedacht? Egal. Zehn Gänge der Logikdiät sind durch, und ich erlaube mir die Überschrift komplett zu ignorieren und stattdessen ein Gedankenexperiment durchzuführen: Was wäre, wenn der Reichsbürger im Recht ist, und wie sähen die Konsequenzen aus?

Nehmen wir mal nur für eine Nanosekunde an, dass der Reichsbürger recht hat: Das Grundgesetz ist ungültig, dass wir von den Alliierten kontrolliert werden, dass Deutschland eine Firma ist, dass die Grenzen von 1937 gültig sein müssen. Was wäre die Konsequenz? Als erstes müsste mal eine ordentliche Verfassung her, oder man nimmt die Weimarer Verfassung, die es dem Reichsbürger ja durchaus angetan hat. Dummerweise mag er die Version, die weiland GröFaZ schon mit seinen Ermächtigungsgesetzen ausgehebelt hat. Weswegen solch eine Verfassung kaum auf eine repräsentative Demokratie rauslaufen wird, sondern auf eine Art Führerstaat. Na wer’s mag.

Jetzt haben wir also eine Verfassung. Eine Regierung muss natürlich noch her, und vor lauter Dankbarkeit, dass sie uns Schlafschafen die Augen geöffnet haben, wählen wir die versemmelte versammelte Mannschaft der Reichsbürger an die Spitze des Staates. Als Zeichen der Souveränität kündigen diese Vollpfosten kündigt die Reichsregierung erstmal alle internationalen Verträge. Dass dieses Vierte Deutsche Reich aus der NATO austritt, wird international nicht weiter zur Kenntnis genommen, man kolportiert, dass die US-Streitkräfte froh sind, wenn ihnen kein Deutscher mehr im Weg rumsteht.

Ganz wichtig ist der Austritt aus der EU und die Einführung einer eigenen Währung, nennen wir sie Reichsmark. Freihandel findet nicht mehr statt, auf Importe werden Zölle erhoben. Dumm halt, dass der Exportweltmeister Deutschland nun für die Ausfuhr seiner Waren ebenfalls Zölle berappen muss. Der Export bricht – weil alles zu teuer wird – ein. Die Reichsdeutsche Industrie geht in die Knie, die Arbeitslosigkeit steigt.

Egal, denn die so gewonnenen Arbeitskräfte werden in der aufblühenden Reichsrüstungsindustrie anschlussverwendet. Denn zum Erstaunen der neuen Reichsregierung sind Polen und Russen nicht auf die Forderung eingegangen, die ehemaligen Ostgebiete herzugeben. Also muss man sich das Land eben mit Gewalt holen. Praktisch: Da man ohnehin alle internationalen Verträge aufgekündigt hat, muss man sich bei Bedarf auch nicht mit völkerrechtlichen Kleinigkeiten wie der Genfer Konvention aufhalten. Nur der Haager Landkriegsordnung trauern die ein oder anderen Reichsminister nach. Aber man kann nicht alles haben.

Unterdessen werden in Deutschland die Lebensmittel knapp. Die heimatliche Scholle gibt für 80 Millionen Einwohner nicht genügend her. Die Waren verteuern sich, die Inflation nimmt schnell zu. Die Reichsregierung verspricht, sich darum zu kümmern, sobald entschieden ist, wie viele Federn der Reichsadler denn nun haben soll. Einstweilen hat der Reichsdiplomat mit dem größten Sockenschuss besten diplomatischen Geschick mit Paraguay vereinbart, monatlich einen Sack Sojabohnen geliefert zu bekommen.

Langsam aber sicher gehen die Lichter aus: Denn da die vorherige BRiD Firma GmbH & Co. KG einen Großteil ihrer Kohle aus dem Ausland gekauft hat, diese Importe aber immer teurer sind und sowieso wegen ausbleibender Steuereinnahmen nicht finanziert werden können, da die heimische Kohle nicht so schnell erschlossen wird und die AKWs nicht ausreichen, wird von 23 bis 5 Uhr der Strom abgestellt. Damit es in dieser Zeit nicht zu einer höheren Kriminalität kommt, wird eine Ausgangssperre mit verhängt. Auch der Verkehr ist größtenteils zum Erliegen gekommen, da das glorreiche Reich keine Verträge mit der OPEC schließt (denn dann wäre man ja eine Firma).

Um die Energieknappheit in den Griff zu bekommen, kündigen die Knallköpfe Experten im Reichswissenschaftsministerium an, dass der Freie-Energie-Reaktor schon bald läuft. Ehrlich. Man stehe kurz vor dem Durchbruch. Versuchsanlagen würden schon funktionieren. Äh nein, das könne man im Augenblick nicht vorführen.

Erstes Murren wird laut in der Bevölkerung. Damit diese Verirrten keine Unruhe stiften, dürfen sie in mit Stacheldraht umzäunten Gebieten über ihre konterrevolutionären Umtriebe nachdenken.

Währenddessen schiebt das auf sechs Millionen Mann aufgestockte Reichsheer seine Panzer an die Ostgrenze (es gibt keinen Sprit) und wartet auf Unterstützung der Reichsluftwaffe. Die ist mit der Entwicklung ihrer Reichsflugscheiben noch nicht fertig, weshalb die Grenzen von 1937 vorerst warten müssen. Der Reichsfunk meldet jedoch einen ersten militärischen Erfolg und eine entscheidende Schwächung der gegnerischen Armeen: Beim Anblick der jämmerlichen Reichstruppe hat sich der polnische Zöllner Andrzej K. totgelacht.

Undsoweiterundsofort.

Liebe Reichsdeppen, das aargks schreibt Euch folgendes ins Stammbuch: Niemand, wirklich niemand der noch zwei Nadeln an der Tanne hat, möchte jemals von Euch regiert werden.

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6 Kommentare zu “Reichsburgerwochen XI: doppelseufz – Plausibilität und Logik, Abschluss und Bewertung

  1. Wenn ich die Überschrift sehe musd ich grinsen und stelle mir die Reichsdeppen beim Stammtisch Reichsburger mampfen ;-)

  2. Ich stieß heute auf einen anderen Blog, in dem die These postuliert wird, daß es heutzutage in ist, jede Meinung in einer Diskussion für gleich fundiert zu halten, ob langjähriger Experte auf dem Gebiet oder ein gerade hereingeschneiter Neuzugang ohne jegliche vorherige Beschäftigung mit dem Thema. Mir scheint das auf die Staatsleugner/Reichsdeppen gut zu passen:

    Wer Gesetzestexte und Urteile googlen kann, könnte mit viel Zeit versuchen, herauszufinden, wie sich die Meinung der Juristen über die Rechtsnormen begründet, wie die Begriffe zu verstehen sind, wie die Rechtsprechung funktioniert. So wird man zwar kein Richter, könnte aber einiges Verständnis erreichen. Die Staatsleugner machen’s andersherum: Sie halten sich trotz Fehlen jeglicher juristischen Bildung für die besseren Juristen und kommen so auf die aberwitzigsten Ideen. Wenn die Realität anders ist, dann kommt ein verständiger Mensch auf die Idee, seine eigene Meinung in Frage zu stellen – ein unverständiger hält stattdessen die Realität für eine geheime Verschwörung.

    • Hi Mitlesender,
      ganz richtig, die Reichsburger wollen halt nur das verstehen, was sie wollen, und lesen dementsprechend auch nur das raus, was ihren Ideen entspricht.

      Hast Du noch nen Link zur oben genannten These (hier darf man Links gleich mitschicken, kein Problem)? Weil darin liegt, glaube ich, auch ein Problem.

      Grüße vom aarks!

  3. @Mitlesender
    das (wie Du schreibst konservative) Drumherum habe ich nicht gelesen, aber der Artikel ist in der Tat bedenkenswert. Danke für den Link!

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