Sekten & Co.: Rückzug vom Staat? Ein offener Brief

Die Infostelle für Sekten und Kulte in Sachsen-Anhalt soll dichtgemacht werden. Den offenen Brief dagegen gibt’s hier im Anschluss, Anmerkungen dazu auch bei Statt Schamanen.

OFFENER BRIEF
 
Sehr geehrter Herr Bischoff,
sehr geehrte Damen und Herren,
 
mit Bestürzung habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, das es die Informations- und Dokumentationsstelle zum Thema Sekten und Kulte ab 2015 nicht mehr geben soll.
 
Wenn sich dies bewahrheitet, brechen zwei wichtige PartnerInnen im bundesweiten Netzwerk weg, und das Netzwerk in Sachsen-Anhalt würde vollkommen zerstört werden.
Allein aus der übergreifenden Tätigkeit von Sekten und Kulten im Bereich Halle – Leipzig sind für mich Partner in Sachsen Anhalt dringend notwendig. Vor allem sind staatliche Stellen notwendig. Denn diese übernehmen Aufgaben, die kirchlicher Sektenbeauftragter gar nicht übernehmen kann.
Mit der Schließung dieser Stelle entziehen Sie sich der Verpflichtung im Bereich des                erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes. Im § 14 KJHG steht nicht es „dürfen“ oder „können“ sondern es sollen Angebote gemacht werden. Medienkompetenz allein erfüllt nicht § 14 (2) 1. und 2.  :

Sozialgesetzbuch (SGB) – Achtes Buch (VIII) – Kinder- und Jugendhilfe

§ 14 Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz

(1) Jungen Menschen und Erziehungsberechtigten sollen Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes gemacht werden.
(2) Die Maßnahmen sollen
1.
junge Menschen befähigen, sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen und sie zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen führen,
2.
Eltern und andere Erziehungsberechtigte besser befähigen, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden Einflüssen zu schützen.
 
 
Die BürgerInnen des Landes Sachsen-Anhalt haben auch ein Recht auf eine Präventions- und Beratungsstelle zum Thema Sekten und Kulte.
Wer informiert dann Behörden, öffentliche und private Einrichtungen vor solchen Gruppen?
Wo können sich dann Primär- und Sekundärbetroffene Beratung einholen?
Wer ist dann kompetenter Ansprechpartner bei länderübergreifender Zusammenarbeit?
Wollen Sie wirklich in einer Zeit, wo esoterische Gruppen und Heilanbieter wie Pilze aus dem Boden schießen, die Menschen in Ihrem Bundesland allein mit den Problemen lassen?
 
Wenn Sie solch eine Beratungsstelle schließen, bereiten Sie den Nährboden für noch mehr Sekten und Kulte, und diese Gruppen werden die Zeit nutzen bis zum Wiederaufbau einer Beratungsstelle, denn eine zerschlagene Struktur kann man nicht so schnell wiederherstellen.
Die KollegInnen der angrenzenden Bundesländer haben keine Ressourcen, Beratungen aus und Prävention in Ihrem Bundesland zu übernehmen.
 
Frau Dr. Phillipp und Frau Dr. Zimmermann sind weit über die Grenzen von Sachsen-Anhalt als fundierte Kennerinnen der Sektenszene, als kompetente Ansprech- und Arbeitspartnerinnen bekannt. Sie stehen für Planungssicherheit in der bundesweiten Zusammenarbeit. Beide sind profilierte Beraterinnen im Kollegenkreis. Mit dem „Einsparen“ dieser Stellen rütteln Sie an den Säulen eines bundesweiten Netzwerkes der Arbeit zu negativen Sekten und Kulten.
Sie sollten viel eher darüber nachdenken, wie diese zwei Fachkräfte in den nächsten Jahren kompetente NachfolgerInnen ausbilden können.
 
 
Mit freundlichen Grüßen
Solveig Prass
Leiterin des Projektes
Beratung und Prävention zu Sekten und Kulten (Leipzig)
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4 Kommentare zu “Sekten & Co.: Rückzug vom Staat? Ein offener Brief

  1. Stimmt. Besser Schaden vermeiden, als hinterher Schaden flicken müssen. Durch Schließung der Beratungsstelle entsteht eine rein rechnerische Ersparnis an Personalkosten, die mittelfristig bei weitem dadurch aufgefressen werden wird, dass ohne eine solche Beratungsmöglichkeit mehr Leute Sekten und Gurus auf den Leim gehen, weniger Leute den Ausstieg schaffen und seelisch kaputtgehen. Unverständlich, wie solche wichtigen Angebote einfach so abgeschossen werden, mutmaßlich aus Kostengründen. Kurzsichtig und dumm ist das!

    • die kosten wären dabei nach meiner meinung das geringere übel. wesentlich schwerer wiegt dabei die menschliche komponente, der entscheidungsträger hat sicher keine ahnung davon wie überlebemswichtig der anker einer beratungsstelle für betroffene sein kann. das ist schlicht eine form unterlassener hilfeleistung.

      • Stimmt. Das hatte ich auch noch halb im Hinterkopf. Nicht nur spart es auf lange Sicht keine Kosten, weil alle möglichen Schäden entstehen, die dann aufwändig behoben werden müssen (Leute werden arbeitsunfähig, benötigen lange Therapien, u.U. müssen Polizei, Jugendamt usw. tätig werden), sondern es entsteht außerdem noch kaum ermessliches Leid, wenn Leute unter der Fuchtel selbsternannter Heilsbringer und sektenleitender Kontrollfreaks kaputtgehen bzw. systematisch kaputtgemacht und in jeder Hinsicht ausgesaugt werden.

        Man kann eh schon wenig tun, da sollte man das Wenige, was geht (und sich soweit auch bewährt hat) nicht aus falsch verstandener Sparsamkeit abwürgen.

      • Neben den schon erwähnten Punkten sehe ich langfristig eh keine Kostenersparnis. Ähnlich geartete Fälle haben immer wieder aufgezeigt, dass die Zerschlagen einer zentral angelegten Struktur samt des dort versammelten Know-Hows auf lokaler Ebene nicht oder nur sehr bedingt kompensiert werden kann. Irgendwann wird die Notwendigkeit eines Neuaufbaus aufgeworfen werden. Mitarbeiter müssen geschult, Archiv aktualisiert oder neu aufgebaut, Netzwerke geschaffen werden. Das kostet Zeit, das kostet Geld.

        Wie man es dreht und wendet, die geplante Schließung des IDS Halle ist kurzsichtig und dumm. Man könnte vielleicht einmal ausrechnen, was z.B. die Folgen der unseligen Tagträumereinen eines Herrn Fitzek Land und Bund schon gekostet haben. Polizeieinsätze dieser Größenordnung gibt es schließlich nicht umsonst.

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