Audi. Vorsprung durch Esoterik.

Anfang Oktober laden die „Weimarer Visionen“  zu „Festspielen des Denkens“ ein. Fünf von zwölf Referenten fallen freilich weniger durch übermäßiges Gedankengut als vielmehr durch Hardcore-Esoterik auf, etwa der Weltuntergangsschwurbel-Didi Broers. Co-Gastgeber des Events ist Audi. Die Autobauer haben „den Trend zum geistigen, kulturellen und spirituellen Mehrwert der Marke erkannt“. Oha.

Bei den „Weimarer Visionen“ werden unter dem Deckmäntelchen von Zukunftsforschung und der Förderung von Start-ups durch neue Denkansätze seit 2006 vor allem olle Kamellen aus dem Spiritualitätenkabinett durchgenudelt. Dass Automobilhersteller an Zukunftsvisionen interessiert sind, wundert nicht. Merkwürdig ist freilich, warum ein seriöser Autobauer sich für Esoterik hergibt, Zitat auf der Veranstalterwebsite: „Die Kooperation mit den Weimarer Visionen ermöglichte es Audi, das Inspirations-, Gedanken- und Visionsfeld mit zu besetzen, in dem Neues entsteht.“

Na mal schauen, wer von den Referenten 2015 wohl helfen kann, Neues entstehen zu lassen.

Mit dabei ist zum Beispiel Dieter Broers, das olle Weltuntergangsorakel. Der Märchenonkel hält den Vortrag „Der kosmische Erlebnisraum des Menschen – vom Apeiron zur Erkenntnis des Selbst. Die Welt als Reflektion des Selbst“. Dass er Reflexion nicht schreiben kann – geschenkt. Dass er bei den Vorsokratikern klaut – geschenkt. Broers ist halt ein Brabbler, der ständig davon faselt, dass Großes entstehe und der Bewusstseine springen lässt und eben den ganzen altbekannten Esoteriksermon abarbeitet. Prädikat: Gähn.

Ebenso alte Kamellen brüht Referentin Mira Mühlenhof auf. Die ist von Enneagrammen ganz angetan und kann superdolle empathische Nullaussagen machen. Mein Favorit als bekennendes Formel-1-Fantierchen ist die „Vorhersage“ für die F1-WM 2014, kurz vor dem letzten Rennen: „Wenn es Hamilton gelingt, sich von seinem eigenen Erfolgsdruck nicht erdrücken zu lassen und nicht auf Risiko zu fahren, gewinnt er die WM.“ Der Hammer, ja wer hätte das gedacht? Dass Hamilton die WM 2014 dann gewonnen hat, verbucht sie sicher als Erfolg ihrer Menschenkenntnis. Passt schon. Nicht passt es, dass sie vor Falschaussagen nicht zurückschreckt, behauptet sie doch über Enneagramme: „Seit den 1970er Jahren wird die Persönlichkeitslehre mit den Methoden der humanistischen Psychologie erforscht und wurde inzwischen auch durch die Hirnforschung bestätigt.“ Das ist Käse. Den sie dann in Intensiv-Seminaren für rund 1.000 Öcken unters Volk bringt.

Teuer wird auch ein Telefonat mit dem Referenten Alexander Rombs, einem Quantenschwurbler, mit dem man für 120 Euro pro Stunde telefonieren kann. Immerhin gibt’s dafür „angewandte Quantenphysik“ mit Radionik. Kurz: Pseudowissenschaftlicher Stuss.

Gar nicht mal die Mühe, sich eine halbwegs pseudologische Erklärung herzubiegen, gibt sich Referentin Mari Nil, die channelt, röntgenblickt und auch sonst keinen esoterischen Unfug auslässt. Denn sie wirkt laut Eigenwerbung „als Botschafterin, um die göttliche Essenz in die wichtigsten und sensibelsten Facetten unseres Daseins zu bringen“. Ja dann, Glück auf und Liebe und so.

Mit viel Liebe operiert auch Referent Karl Gamper, der einen Quantensprung (schon wieder) in jederfraus und jedermanns spiritueller Entwicklung verspricht, und der (oh Wunder) dafür einen 525 Euro teuren Fernlehrgang anbietet (nur echt bei Neumond, kein Witz). Muss es wohl wert sein, denn Zitat: Dieser Kurs löst einen inneren Looping aus.“ Wem’s da mal nicht schlecht wird. Seine Website gehört übrigens laut Impressum den Eso-Werberamschern der Momanda GmbH.

Dass als Medienpartner die Eso-Postille „raum & zeit“ das Schwurbel-Event begleitet, passt. Ob sich die anderen Referenten bewusst sind, in welche Gesellschaft sie sich begeben, ist fraglich. Zum Beispiel der Publizist Manfred Osten oder der Unternehmer Bernd Kolb.

Was man sich bei Audi dabei gedacht hat, das Esogefasel als Co-Veranstalter zu finanzieren, erschließt sich mir überhaupt nicht. Aber es scheint, dass man in Ingolstadt einen gewissen Hang zur Esoterik hat. Was Fragen aufwirft: Wann kommt der neue Audi W1 (wasserbetrieben)? Wann kommt der erste Audi mit Quantentechnik (oder ist die Q-Baureihe ein erster zarter Hinweis darauf) und sind die Insassen im Quantenaudi gleichzeitig tot und lebendig? Wird dem Audi-Käufer zuerst ein Enneagramm erstellt und werden ihm bei der Diagnose „Tragischer Romantiker“, der sich durch Todesverliebtheit auszeichnet, Bremsen, Gurte und Airbags ausgebaut? Kann ich mein rosa Einhorn beim Kauf eines Audis in Zahlung geben? Und wird das Audi-Soundlogo (Herzbummbumm) demnächst durch ein Klangschalenmedley ersetzt?

Man weiß es nicht. Aber ich habe jetzt viel mehr Verständnis für all die Audi-Drängler, die in ihren aggro-gestylten Boliden (Überholprestige *würg*) bei 150 Sachen auf der Autobahn in 10 Zentimetern Abstand hinter mir einen Hals kriegen, weil ich meine antike Rostschüssel nicht auf Warp 9 beschleunigt bekomme. Die können nichts dafür. Die haben (Weimarer) Visionen und wollen nur schnell zum Arzt.

 

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14 Kommentare zu “Audi. Vorsprung durch Esoterik.

  1. Überholprestige ist auch so ein Ding. Schon deshalb wäre eine allgemeine Höchstgeschwindigkeit von 120 (oder meinetwegen 140) ein gutes Werk – man würde diesen ganzen Möchtegernschumis ganz elegant den Saft abdrehen und sie auf den Idealzustand runterbremsen: Das Auto ist ein Transportmittel. mit dem man sich, Mitfahrer und Gepäck von A nach B bewegt. Es ist keine Schwanzverlängerung, Geschwindigkeit ist kein Selbstverwirklichungskriterium und überholen ist egal.

    Und das geht sicher alles auch ohne Geschwurbel. Schuss in den Ofen in Ingolstadt…

  2. vllt. hat Audi dieses Modell mit schamanischen Trommelbremsen wiederentdeckt – http://www.esoulk.de/images/stories/onlinestore/esoauto.png.
    Gibt es bei Audi schon Empfehlungen für Granderwasser in der Scheibenwaschanlage und soll das Logo durch YinYang ersetzt werden? Offensichtlich wird es die Lederausstattung aus echten Einhornbezügen geben und bei der Scheinwerfertechnik greift man auf die bewährte Vollmondvariante zurück. „Natürlich“ greift man für alle Lager und Wellen auf ätherische Öle von Young Living zurück. Das Interrieur wird von einen auffälligen Globulispender in der Mittelkonsole geziert.
    Audi, Vorsprung durch Esoterik.
    PS.: Dieser Weg wird kein leichter sein –
    Reichsdepp Xarre

  3. Wird in Weimar schon geklärt, welche Reichweite künftig mit einer werkseitigen Tankfüllung Tachyonenextrakt erreicht werden? Mit wievielen Quantensprüngen ist noch zu alternativen Antrieben auf Basis eines Einstein-Bosekondensats zu rechnen. Kann man künftig die Türentrieglung channeln und welchen Sicherheitsaspekt bietet Kryon hierbei?
    Wird in der Wichtelwerkstatt bei Audi schon an Feenstaubdurchlässigen Innenraumfiltern gewerkelt?

  4. Welch großartiges Potential doch Weimar für Audi bietet, ich denke da weiter in Richtung Airbags mit integrierten Heilamuletten. Ich kann nicht schlafen, habe Schöpfungsvisionen für Ingolstadt. Audi „Alternative“ mit Wurmlochabschlepphaken und allen Schnick & Schnack. Zeitreisen wohin man will unter astrologischem Dachhimmel …..

      • Jein, aargks. Die gibt es sicher, so mit „rechts ist das Gas“, „die Autobahn gehört mir, also alle nach rechts wenn ich komme“ und „unter 180 ist das gar kein Fahren“, aber ein Teil dieser Leute gehört zum Typ „Neuer Manager“, die sind genauso machohaft drauf, haben sich aber eine etwas weniger kantige Fassade anpassen lassen. Die gehen auf Persönlichkeitsentwicklungsworkshops, wissen ihren Myers-Briggs-Typ, haben das Käsebuch gelesen und halten das für Philosophie. Denen kannst Du durchaus mit Einhornleder und Feenstaub kommen, solang das Auto trotzdem genug PS und Überholprestige hat.

      • Statt Grünwaschung nun sozusagen Violettwaschung. Ist gut gegen mögliche moralische Verkaterung, denn Konsum ist ja eigentlich schlecht für´s Karma, Ressourcenverschwendung so gar nicht ganzheitlich. Wenn das Anlassen des Motors nun zum postmodernen Urschrei wird, zum morphischen Erweckungserlebnis, zum Abbild erfolgreicher Persönlichkeitsfortschreitung, schwingt es sich wieder leichter.

  5. @ gnaddrig
    Ich sehe das auch so, möchte das mal gerne als Wohlstandsesoteriker bezeichnen, welche glauben die Welt dreht sich um sie. Eine Pseudoelite auf heißer Luft getragen denen Sozialkompetenz ein Fremdwort ist. Die esoterische Seminar- u. Coachingwelt hält da einiges bereit. Allmachtsphantasten im PS-Rausch.

  6. Nicht nur die Referenten im Oktober eignen sich bestens für unsere Esoteriker-Datenbank – von den Organisatoren der „Weimarer Visionen“ sind die meisten schon drin!!!

  7. Aufgrund meiner BLÄHUNGEN wäre ein Methangasantrieb von immensem
    Vorteil.
    Und in besonders „expansiven“ Momenten wäre ggf. ein Quantensprung drin……

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